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Dispositionseffekt: Warum Gewinne verschwinden und Verlierer im Depot bleiben

October 12, 2026•7 min read

Kennst du das: Du nimmst einen Gewinn schnell mit, bevor er wieder verschwindet, aber eine Verlustposition liegt seit Monaten in deinem Depot und du redest dir ein, dass sie schon auf ihren alten Stand oder höher zurückkommen wird?

Genau das beschreibt der Dispositionseffekt. Er zählt zu den am häufigsten untersuchten Mustern der Verhaltensökonomie und kann Rendite kosten. In diesem Artikel erfährst du, wie er entsteht, wie er sich bei Bitcoin und Altcoins zeigt und wie du ihn abschwächen kannst. Dieser Artikel ist der zweite Teil der Serie über Geldpsychologie.

Zusammenfassung: 7 Fakten zum Dispositionseffekt

  1. Auch Profis sind nicht immun: In einer Untersuchung von Frazzini (2006) zeigten Fondsmanager den Dispositionseffekt ebenfalls, wenn auch schwächer als Privatanleger.

  2. Bei professionellen Futures-Händlern ging die Neigung zum Dispositionseffekt in den meisten Fällen mit einem niedrigeren späteren Einkommen einher (Locke und Mann, 2005).

  3. In Taiwan verkauften Anleger Gewinner ungefähr doppelt so häufig wie Verlierer (Barber, Lee, Liu und Odean).

  4. Eine Untersuchung zu institutionellen Anlegern im „Journal of Finance” (2023) fand klare Hinweise auf Können beim Kauf, die Verkaufsentscheidungen schnitten dagegen deutlich schlechter ab – sogar schlechter als zufälliges Verkaufen.

  5. Im Dezember kehrte sich das Bild in Odeans Daten um. Verluste wurden schneller realisiert als Gewinne, da steuerliche Gründe überwogen.

  6. Shefrin und Statman führen den Effekt auf vier Bausteine zurück, zu denen auch Reue-Vermeidung und Selbstkontrolle zählen. Keiner davon erklärt ihn allein.

  7. In der Bitcoin-Studie zeigten über den gesamten Untersuchungszeitraum elf von achtzehn untersuchten Indikatoren klare Hinweise auf den Dispositionseffekt.

Was ist der Dispositionseffekt?

Der Dispositionseffekt beschreibt die Neigung von Anlegern, Gewinnpositionen zu früh zu verkaufen und Verlustpositionen zu lange zu halten. Den Begriff prägten die Ökonomen Shefrin und Statman im Jahr 1985.

Als Referenzpunkt dient dabei meist der eigene Kaufpreis: Alles darüber fühlt sich nach Erfolg an, alles darunter nach Niederlage.

Das ist ökonomisch unlogisch, weil die Entscheidung dann an der Vergangenheit hängt, statt sich daran zu orientieren, wie es mit der Position weitergeht. Dem Markt ist dein Einstiegskurs egal. Ein Zahlenbeispiel macht das greifbar:

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Jede dieser Entscheidungen lässt sich im Moment gut begründen, wobei die Gründe dafür jeweils spezifisch sind und sich auf die jeweiligen Situationen beziehen.

Warum Gewinne sichern gut und Verluste realisieren schlecht fühlt

Dahinter steckt unter anderem die Prospect Theory von Kahneman und Tversky aus dem Jahr 1979. Diese Theorie besagt, dass wir Ergebnisse als Gewinne oder Verluste bewerten und dass die Wertkurve bei Verlusten steiler verläuft als bei Gewinnen. Ein Verlust wiegt emotional also schwerer als ein gleich großer Gewinn.

Hinzu kommt das mentale Buchhalten aus dem ersten Teil der Serie: Jede Position führt ein eigenes gedankliches Konto. Solange du nicht verkaufst, bleibt ein Minus ein Papierverlust und die Hoffnung auf Erholung lebt. Erst der Verkauf schließt das Konto und macht den Verlust endgültig. Bei Gewinnen läuft es umgekehrt: Der Verkauf liefert sofort Stolz und beendet die Sorge, dass der Gewinn wieder schrumpft.

Dispositionseffekt bei Bitcoin und Altcoins

Dieser Effekt ist vor allem an Aktienmärkten belegt. Der Ökonom Terrance Odean wertete 1998 die Daten von 10.000 Brokerkonten aus dem Zeitraum 1987 bis 1993 aus. Außerhalb des Dezembers realisierten die Anleger 14,8 Prozent ihrer Gewinnpositionen, bei den Verlustpositionen waren es nur 9,8 Prozent. Die spätere Wertentwicklung rechtfertigte dieses Verhalten jedoch nicht.

Der Effekt wurde auch bei Staatsanleihen und am Immobilienmarkt gefunden, er tritt also in sehr unterschiedlichen Märkten auf. Für Bitcoin liegt inzwischen eine eigene Studie vor. Schatzmann und Haslhofer (2023) werteten Bitcoin-Transaktionen von 2013 bis 2021 aus und fanden Hinweise auf den Dispositionseffekt, allerdings mit wechselnder Stärke. Besonders deutlich zeigte er sich ab dem Boom-und-Bust-Jahr 2017, was die Autoren mit der gestiegenen Medienaufmerksamkeit und dem Zustrom neuer, weniger technikaffiner Anleger erklären. Altcoins wurden in der Studie nicht untersucht. Wie sich das bei Bitcoin und Altcoins äußern kann, zeigt die Grafik „Zwei Positionen, derselbe Einsatz” im ersten Abschnitt.

Wiederholt sich dieses Muster über viele Entscheidungen hinweg, verschiebt sich die Zusammensetzung deines Depots. Der Anteil der Verlierer wächst, weil du die starken Positionen regelmäßig abgibst. Das hat einen Preis: Kapital, das in schwachen Positionen gebunden bleibt, fehlt für bessere Gelegenheiten. Bei Altcoins kommt hinzu, dass ein Projekt nach einem Crash dauerhaft an Bedeutung verlieren kann.

3 Warnsignale, dass der Dispositionseffekt dein Depot steuert

Im Alltag erkennst du diesen Effekt an folgenden drei Signalen:

  • Du verkaufst nach einem Kurssprung, weil sich der Gewinn „zu schön” anfühlt. Einen anderen Grund hast du nicht.

  • Du wartest darauf, bei deinen Verlustpositionen wieder deinen Einstiegskurs zu erreichen. Der Gedanke „Ich verkaufe, sobald ich bei null bin” macht deinen Kaufpreis zum Ziel.

  • Du meidest den Blick auf deine Verlustpositionen. Wer sie nicht ansieht, muss sich nicht entscheiden.

So schwächst du den Dispositionseffekt ab

Wissen allein reicht nicht aus, denn die Entscheidung wird in einem Moment der Aufregung getroffen. Wirksamer sind deshalb Regeln, die du festlegst, solange du ruhig bist. Ein Experiment von Weber und Camerer (1995) zeigt, dass Automatisierung hilft: Wurden die Aktien nach jeder Runde automatisch verkauft, schwächte sich der Effekt deutlich ab.

Der erste Hebel ist ein Verkaufsgrund, den du vor dem Kauf notierst. Schreibe auf, warum du einsteigst und woran du erkennst, dass diese Begründung nicht mehr gilt. Dann verkaufst du aus einem bestimmten Grund und nicht, weil du einen bestimmten Kaufpreis erreicht hast.

Der zweite Hebel ist das Verkaufen in Stufen. Eine feste Regel, bei bestimmten Kurszielen jeweils einen Teil zu verkaufen, nimmt den Druck einer Alles-oder-nichts-Entscheidung.

Der dritte Hebel ist ein Stop-Loss. Shefrin und Statman nennen ihn eine Technik, um sich selbst zu bremsen: Der Verkauf läuft automatisch, bevor die Hoffnung übernimmt. Ob er zu deiner Strategie passt, entscheidest du selbst.

Gewinne mitzunehmen, ist an sich nicht falsch. Entscheidend ist, ob die Regel vorher feststand oder ob die Angst vor einem Rückgang im Moment die Entscheidung beeinflusst hat. Entscheide dich nach der Zukunft der Position und nicht nach deinem Kaufpreis.

Wer im Voraus entscheiden möchte, braucht ein solides Fundament. Das baust du dir mit strukturiertem Krypto-Wissen auf.

Fazit: Warum Disziplin den Dispositionseffekt schlägt

Der Dispositionseffekt sorgt dafür, dass du Gewinner zu früh verkaufst und Verlierer zu lange behältst, weil der Kaufpreis den Takt vorgibt. Dahinter steckt jedoch keine Schwäche, sondern ein Muster, das sich bei Anlegern in vielen Märkten nachweisen lässt.

Mit festen Regeln, notierten Verkaufsgründen und automatischen Verkäufen entziehst du die Entscheidung dem Moment der Aufregung. Disziplin schlägt Bauchgefühl: Entscheide über den Verbleib einer Position anhand ihrer Zukunft, nicht anhand deines Kaufpreises.

Wenn du deine eigene Strategie mit klaren Regeln aufbauen willst, sichere dir ein kostenloses Strategiegespräch.

FAQ: Häufige Fragen zum Dispositionseffekt

Was ist der Unterschied zwischen dem Dispositionseffekt und dem Sunk-Cost-Effekt?

Der Dispositionseffekt betrifft den Verkauf: Du bewertest Gewinner und Verlierer anhand des Kaufpreises und verkaufst deshalb möglicherweise zu früh oder zu spät. Der Sunk-Cost-Effekt betrifft das Nachlegen. Du steckst weiteres Geld in eine Position, weil du bereits viel Geld verloren hast. Dazu folgt ein eigener Artikel in der Serie.

Gilt der Dispositionseffekt auch bei starken Kursstürzen?

Nicht immer. Eine Untersuchung von Dacey und Zielonka aus dem Jahr 2013 fand heraus, dass Anleger bei hohen Kursschwankungen eher ihre Verlierer verkaufen. Dieser Effekt kann sich umkehren, was Panikverkäufe in Marktkrisen erklärt. Für schwankungsstarke Märkte wie den Kryptomarkt ist das ein wichtiger Zusatz.

Wie kann ich prüfen, ob ich selbst vom Dispositionseffekt betroffen bin?

Gehe deine Handelshistorie durch. Vergleiche, welchen Anteil deiner Gewinnpositionen du verkauft hast und welchen Anteil deiner Verlustpositionen. Liegt der erste Wert deutlich höher, spricht das für den Effekt. So hat auch Odean ihn gemessen.

Soll ich Verlustpositionen deshalb sofort verkaufen?

Nein, entscheidend ist nicht die Höhe des Verlusts, sondern ob deine ursprüngliche Begründung noch gilt. Wenn es einen Grund dafür gibt, ist Halten in Ordnung. Es wird zum Fehler, wenn nur der Wunsch nach dem Einstiegskurs dahintersteckt.

Ab welchem Kursverlust sollte ich verkaufen?

Eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht. Wichtig ist, dass du die Grenze vor dem Kauf festlegst und nicht erst im Moment des Verlusts. Welche Regel zu dir passt, hängt von deiner Strategie und deiner Risikobereitschaft ab.

Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Investitionen in Bitcoin und andere Vermögenswerte sind mit Risiken verbunden, die bis zum Totalverlust reichen können. Triff deine Entscheidungen daher eigenverantwortlich oder hole dir professionelle Beratung.

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